Archiv der Kategorie: Wissenschaft

zwei Stellwände mit Infos sowie Möglichkeiten, zum selbst ideen aufschriben zum Thema "Gute Arbeit in der Wissenschaft"

Gute Arbeit und gutes Geld, auch für studentische Beschäftigte – Happy Birthday, TV stud II!

Wer unterstützt in der Sprachlehre, hackt in Forschungsprojekten die Daten ein, erklärt im Tutorium wie’s denn nun wirklich geht? Ohne wen würden Hochschulbibliotheken und Studienberatung nicht funktionieren? Wer pflegt Adresssamlungen, unterstützt im PC-Pool und bei der Online_Lehre und korrigiert abgegebene Übungsblätter? Richtig: Studentische Beschäftigte. Während anderswo von ‚HiWis‘ geredet wird (übrigens in völliger Ignoranz dafür, wo der Begriff herkommt), und oftmals Stundensätze und -umfänge sowie Vertragslaufzeiten frei Schnauze durch Professor*innen oder Fakultäten diktiert werden, ist das in Berlin seit nunmehr 30 Jahren anders. Hier gibt es den Tarifvertrag für studentische Beschäftigte (TV stud), und seit fast genauso lange klare Regeln im Berliner Hochschulgesetz (BerlHG), die für diese Gruppe genauso wie für die anderen Gruppen von Beschäftigten an den Hochschulen alles Nötige regeln. Eine eigene Personalvertretung stärkt den beschäftigten gegenüber Chefs und Hochschulleitung den Rücken und achtet auf die Einhaltung der Regeln.

Und das ist auch gut so. Ohne die Gruppe der studentischen Beschäftigten liefe Vieles an unseren Hochschulen nicht, ob in Forschung, Lehre oder Service. 1979 wurde der erste und bundesweit einzige Tarifvertrag für studentische Beschäftigte geschlossen, der diese Gruppe von Arbeitnehmer*innen vor Kurzlaufzeiten, Dumpingstundenlöhnen oder Mini-Stundenumfänge schützte. Zum fast schon legendären „Tutorenstreik 1986“ kam es, als wenige Jahre nach der Einführung der damalige Senat den geltenden ersten TV stud kündigte mit der erklärten Absicht, künftig wieder zum ungeregelten, tariffreien Zustand zurückzukehren. Für viele Studierende hätte das geheißen, statt eine halbwegs gesicherten Arbeit zu haben, dann in den Bereich der geringfügigen Beschäftigten ohne eigene Personalvertretung usw. abgedrängt zu werden. Für die Hochschulen hätte es zwar im ersten Moment sicher ein wenig Einsparungen ergeben; langfristig hätte aber die Qualität deutlich gelitten, fußte doch vor allem das Berliner Tutorienmodell, dass die lehre unterstützte, genau auf diesem Baustein.

Der durch den Streik erzwungene TV stud II ist nunmehr dreißig Jahre alt. Grund genug zu sagen: Happy Birthday, und nicht nachlassen! Denn seit Jahren wurden die früher an die Tarifentwicklung im öffentlichen Dienst gekoppelten Stundensätze nicht mehr angepasst. Insbesondere die Charité hat viele forschungs- und lehrnahen Tätigkeiten schon seit Jahren an eine ihrer Tochtergesellschaften outgesourct und unterläuft so die Regelungen von Tarifvertrag und BerlHG. Und immer wieder gibt es Auseinandersetzungen, ob nach dem Bachelor eigentlich noch eine Beschäftigung als Tutor*in möglich ist, wann eine Freistellung möglich ist, oder ob die Zeit als studentische*r Beschäftigte in einem Forschungsprojekt eigentlich zu den nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) erlaubten maximal sechs Jahren bis zur Promotion zählen.

Die letzten Verhandlungen über eine Erneuerung oder Anpassung des TV stud II gab es 2011. Höchste Zeit, dass wieder Bewegung reinkommt, denn seit 2003, der letzten größeren Anpassung, hat sich Vieles verändert, nicht zuletzt gab es die flächendeckende Umsetzung der Bolognareform. Die TarifvertragsIni ist auch wieder aktiv geworden – zuletzt hat sie eine Umfrage unter den studentischen Beschäftigten durchgeführt, welche Tarifverhandungsziele diesen am wichtigsten sind. Unsere Unterstützung hat die Ini!

Unterfinanzierte Einstein Stiftung – und nun?

Ganz aktuell meldet gerade die dpa, dass zwei prominente Mitglieder des Stiftungsrates der Einstein Stiftung Berlin, Helmut Schwarz als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und Gerhard Casper von der Stanford Universität in den USA, sich aus dem Gremium zurückgezogen haben. Grund: Unterfinanzierung durch den rot-schwarzen Senat.

Was also einstmals gegen erheblichen – auch grünen – Widerstand als das Lieblingsprojekt von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) in der letzten Legislaturperiode etabliert wurde, hat nicht nur einen extrem holprigen Start hingelegt, es ist mittlerweile offenbar mindestens ungeliebt.

Das wäre vielleicht nicht so schlimm. Aus guten Gründen haben wir als Grüne in der letzten Legislaturperiode Konzept, Rechtsform und Arbeit der Stiftung kritisiert. Und auch der Rechnungshof und in der Folge die Mehrheit der Haushaltspolitiker_innen der Stadt sahen erhebliche Probleme, weswegen bis heute das aus dem Landeshaushalt zur Verfügung gestellte Geld (die Stiftung lebt nicht vom Ertrag von Stiftungskapital, sondern wird vom Land finanziert) nur scheibchenweise und unter großer Kontrolle herausgegeben wird.

Aber: Die Einstein Stiftung hat in den letzten Jahren wichtige Aufgaben übernommen. So sind Aktivitäten wie die "Einstein Visiting Fellows", mit denen junge herausragende Forscher_innen nach Berlin geholt werden, aus der Forschungslandschaft nicht mehr weg zu denken. Auch wenn es in unseren Augen eigentlich richtig wäre, die Hochschulen so auszustatten, dass sie auch in der Lage sind, Schwerpunkte zu setzen in ihrer Berufungspolitik und international angesehene jüngere und auch bereits etablierte Wissenschaftler_innen nach Berlin zu holen – so lange dies nicht geschieht, bin ich gern bereit, die Einstein Stiftung dafür zu nehmen.

Im neuen Haushaltsplan für 2014/15 sind nun nur noch 4,5 Mio. e (2014) bzw. 7,5 Mio € (2015) eingestellt. Angefangene Projekte können damit beendet werden. Aber, so die Stiftung: "Die Einsparungen führen dazu, dass die Stiftung 2014 nur wenige neue Projekte bewilligen kann, da der Großteil der Mittel für bereits laufende mehrjährige Projekte gebunden ist." Das ist völlig nachvollziehbar, und wirft die Frage auf, wie es denn nun weitergehen soll. Wenn weder die Hochschulen das Geld bekommen, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, noch die Einstein Stiftung, dann hakt es ganz gewaltig. Helmut Schwarz und Gerhard Casper haben für sich die Konsequenz gezogen. Eine Reaktion der zuständigen Senatorin, die mehr als ein Bedauern ist sondern sich mit der darin verpackten inhaltlichen Kritik auseinandersetzt, würde mich freuen.

Das Forum Transregionale Studien – oder: Wie exzellente Forschung der Forschungsförderung zum Opfer zu fallen droht…

Wer auf die Seite des Forum Transregionale Studien geht, sieht auf einen Blick, dass diese Wissenschaftseinrichtung etwas Besonderes ist: Interdisziplinär, aber vor allem mit einem die oft vorherrschende Regionalisierung aufbrechenden Ansatz kommen hier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, die neue Blicke wagen: "In Kooperation mit Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Berlin und dem Bundesgebiet führt es Forschungsvorhaben durch, die systematisch und unter neuen Fragestellungen andere Weltregionen und ihr Verhältnis zu Deutschland und Europa in den Blick nehmen." Wer sich kritisch mit dem weit verbreiteten und oft unhinterfragten Eurozentrismus in der Wissenschaft auseinandersetzt, kommt am Forum Transregionale Studien und seinen Programmen zum Beispiel zu Rechtskulturen oder "Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa" kaum vorbei.

Im Jahr 2009 auf Empfehlung der Berliner Wissenschaftskommission gegründet, wird das Forum zu nicht unerheblichen Teilen auch aus Bundes- und weiteren Projektmitteln finanziert, die aber als Bedingung haben, dass sich auch das Land an der Finanzierung beteiligt – ein übliches Modell in der Forschungsfinanzierung. Bislang trug das Land Berlin zum einen die Geschäftsstelle mit acht MitarbeiterInnen, und zum anderen gut 30 Post-Doc-Stipendien (mehr dazu hier im Tagesspiegel-Artikel vom 22.7.2013). Wenn diese Mittel wegfallen, ist damit die Grundfinanzierung weg, und folglich auch die Basis für die Einwerbung aller weiteren Mittel.

Bislang werden die Landesmittel aus dem Titel "Zuschüsse zur gezielten Forschungsförderung" entnommen, der im aktuellen Haushaltsansatz um 4,5 Mio. € gegenüber 2013 gekürzt wird. Dieses Geld fällt, so die Planung, ersatzlos aus weg. Für den Zweck der Ko-Finanzierung von gemeinsamen Projekten oder Institutionen mit dem Bund oder wissenschaftsfördernden Stiftungen ist dann damit genauso schlichtweg kein Geld mehr da, wie für die Anschubfinanzierung innovativer Forschungsprogramme oder -projekte.

Hintergrund der Kürzung ist, so die Ausführungen der zuständigen Senatorin Cornelia Yzer (CDU) am Montag im Ausschuss für Wirtschaft, Forschung und Technologie, faktisch der Mittelbedarf aus dem Pakt für Forschung und Innovation (kurz PFI). In diesem haben Bund und Länder vereinbart, dass zur Förderung herausragender Forschung in Deutschland vor allem die außeruniversitären Forschungseinrichtung in der Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft usw. jedes Jahr eine Etatsteigerung um 5% zugesichert bekommen. Die Einrichtungen werden vom Bund und den Ländern oder aber nur den Ländern gemeinsam finanziert, wobei das Sitzland jeweils einen realtiov größeren Anteil trägt als die anderen Länder (wer das genauer wissen möchte, sei auf die sehr übersichtliche Darstellung in „Gemeinsame Forschungsförderung des Bundes und der Länder – Finanzströme im Jahr 2011“ der GWK verwiesen). Dieses Geld muss aufgebracht werden – und mit dieser Aufgabe lässt der Finanzsenator offenbar die Forschungssenatorin allein.

Damit geht die verabredete Forschungsförderung in Berlin mittlerweile klar zu Lasten anderer, nicht in den Forschungsgemeinschaften organisierter herausragender Forschung. Viel anders konnte man ihre Ausführungen am Montag eigentlich nicht verstehen, selbst wenn sie immer wieder versucht hat, sich darauf herauszureden, dass lediglich eine vergleichbare Anhebung wie im PFI vorgesehen, für die übrigen Einrichtungen nicht möglich sei. Betroffen ist neben dem Forum Transregionale Studien auch das Berlin-Brandenburgische Centrum für Regenerative Therapien. Für beide Einrichtungen geht es mehr oder weniger um Fortbestehen oder Schließung.

Wir Grünen haben das Forum Transregionale Studien klar auf dem Schirm – auch die anderen Fraktionen haben das angesprochen. Aus unserer Sicht muss das Forum als einmalige, hoch relevante und herausragende Institution weiter vom Land finanziert werden. Es ist nicht zu erwarten, wie Frau Yzer zu hoffenscheint, dass irgendwelche privaten Geldgeber – konkrete Namen konnte sie nicht nennen – plötzlich Lust haben, das zu finanzieren. Weder finden es Private so besonders lustig, immer dann einspringen zu sollen, wenn der Staat nicht mehr will, noch ist irgendwie erkennbar, dass die privaten Geldgeber plötzlich Schlange stünden.

Besonders absurd wird die Geschichte mit Finanzsenator Nussbaums gestriger Verkündung in der Plenarsitzung, dass wir ja echte Überschüsse hätten. Warum, bitteschön, muss dann der PFI, zu dem sich das Land vertraglich verpflichtet hat (und der damit nicht einfach Privatvergnügen des Forschungsressorts oder seiner Senatorin ist!) zu Lasten anderer Forschungseinrichtungen gehen? Im auch armen Stadtstaat Bremen z.B. werden die 5% aus dem gesamten Haushalt aufgebracht, in Rheinland-Pfalz wird zumindest nicht der PFI gegen andere Einrichtungen ausgespielt. Berlin als der große bundesdeutsche Wissenschaftsstandort tut sich keinen Gefallen mit dieser Nussbaum’schen Kleinkrämerwirtschaft.

Und gerade hier macht es überhaupt keinen Spaß auch in anderer Hinsicht Recht gehabt zu haben: Wir haben schon zu Beginn der Legislaturperiode deutlich gemacht, dass es eine sehr schlechte Idee ist, die Forschung von der Wissenschaft zu trennen! Indem man die Forschung zum Wirtschaftsressort geschlagen hat, hat man sie nicht etwa um FürsprecherInnen bereichert, sondern marginalisiert. Das Forum Transregionale Studien droht also auch an verfehlten Ressortzuschnitten zugrunde zu gehen. Dies ist eine Fehlentwicklung, gegen die wir auch weiterhin einstehen werden.
Kleine Nachbemerkung: Auch die Hochschulen würden sich sicher ebenfalls über eine garantierte Steigerung ihrer Landeszuwendungen und in Summe dann ihrer Globalzuschüsse um jährlich 5% freuen. Das allerdings stand leider noch nie ernsthaft zur Debatte, da einfach mal gleichzuziehen…

Mehr Qualität, mehr Studierende, weniger Geld – Rahmenvertrag fürs StuWerk

Das Studentenwerk Berlin ist mit seinen vielfältigen Beratungs-, Wohnheim- und Versorgungsangeboten fest eingeplant in allen Bemühungen, Studieren in Berlin für möglichst viele Studierende, egal woher sie kommen und mit welchen finanziellen und familiären Voraussetzungen sie ein Studium aufgenommen haben, gelingen zu lassen. Das muss das Land Berlin auch anerkennen, und zwar in mehr als den traditionellen Dankesworten an die Beschäftigten, die unter den gegebenen Bedingungen Höchstleistungen erbringen.

Es ist in diesem Zusammenhang schlichtweg indiskutabel, dem Studentenwerk immer mehr und immer komplexere Aufgaben zu definieren, aber die Zuschüsse für ihre Erledigung zu senken – erst recht bei steigenden Studierendenzahlen. Seit Jahren ist bekannt, dass die Aufgaben der Studentenwerke sich gewandelt haben. Immer mehr und immer unterschiedlichere Studierende, mehr Mobilität, extreme Verdichtungen im Studienalltag durch die Verschulungstendenzen nach der Bolognareform, Studienfinanzierungsprobleme sind nur einige der Bereiche, die diese Veränderungen befördert haben. Wir wollen, dass das Studentenwerk Berlin auch weiterhin qualitativ hochwertige Beratungsangebote machen kann, und zwar an allen Studienstandorten.

Das Studentenwerk soll laut Vertrag auch als Anbieter von Kitaplätzen auftreten, die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem Studierende mit Kind beraten (davon gibt es in Berlin überdurchschnittlich viele!), arbeitsvermittlerisch tätig sein, eine leistungsstarke Infrastruktur für alle diese Aufgaben zur Verfügung stellen. Auch Essensversorgung und Wohnheimangebote sind extrem wichtig.

Gerade bei letzterem hapert es aber ganz gewaltig. Der Senat senkt auch die Investitionsmittel ab 2014 ab. Zudem müssen aus diesen Mitteln dann auch noch die Erneuerung des elektronischen BaföG-Sachberabeiterverfahrens und alle begleitenden Maßnahmen finanziert werden. Neubau von Wohnheimen wird es nicht geben – die Anhörung am vergangenen Mittwoch hat bestätigt, dass dies vom Senat offenbar explizit nicht gewollt war. Studierende sind wie andere Gruppen mit geringerem Einkommen von der sich in den letzten Jahren drastisch verschärfenden Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt besonders betroffen. Der zeit existieren zwischen 9.400 (Angabe des Rahmenvertrages) und 9.600 (DRs. 17/0753 "Angebot an Wohnraum für Studierende ausbauen") Wohnheimplätze. Das sind Wohnheimplätze für maximal 6% der Berliner Studierenden. Bundesweiter Durchschnitt sind 11%. Schon im letzten Rahmenvertrag fand sich ein Passus, der festlegte, dass beim Unterschreiten einer Wohnraumversorgung durch das Studentenwerk von 7% der Senat informiert werden solle, da dies allgemein bei der damals noch relativ entspannten Wohnungsmarktlage trotzdem als absolute Untergrenzen angesehen wurde.

Das Studentenwerk soll keine eigenen Wohnheime bauen, so scheint es. Die im Rahmen von Gesprächen zwischen städtischen Wohnungsbaugesellschaften und Studentenwerk von ersteren offenbar angebotenen Wohnungen außerhalb des S-Bahn-Ringes und in Randklagen sind bei Studierenden genauso unbeliebt wie bei anderen MieterInnen – deswegen sind sie unvermietet und waren einfach anzubieten. So einfach ist die Lösung also offenbar nicht. Studentisches Wohnen ist in Berlin für die übergroße Mehrheit der Studierenden selbstorganisiert. Trotzdem werden Wohnheimplätze gebraucht; traditionell ziehen die meisten Studierenden nach ein, zwei Semestern in eine private WG oder Wohnung. Diese Fluktuation macht Zimmer frei für Studierende, die kurz vor Semesterbeginn neu nach Berlin kommen, die für ein Auslandsjahr hier sind, oder aus anderen Gründen eben nicht selbstorganisiert wohnen. Aufgrund der angespannten Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt sinkt gerade diese Fluktuation aber – denn wer ein Zimmer hat, gibt es so schnell nicht wieder her!

Das Studentenwerk hat große Aufgaben, das wird von niemandem bestritten, und diese Aufgaben werden in den kommenden Jahren keineswegs geringer. Einfach nur höhnisch liest sich da dann die Formulierung in § 6 "Verlängerung des Vertrages", das Studentenwerk habe seine "Geschäftstätigkeit so [zu optimieren], dass der künftige Zuschussbedarf an den finanziellen Möglichkeiten des Landes Berlin ausgerichtet wird." Klartext: Das Studentenwerk hat große und wichtige Aufgaben, das Land Berlin weigert sich aber, seinen Teil der Verantwortung anzuerkennen, und verweist vage auf die Schuldenbremse. Effizienzreserven sind nicht mehr vorhanden. Wer so weiter macht, will einfach nur noch weniger Wohnheimplätze, Verringerung der Beratungsangebote an dezentralen Standorten und mehr schlecht bezahlte Arbeitskräfte in den Küchen. Das Land bestellt per Rahmenvertrag jede Menge Leistungen beim Studentenwerk. Und wer bestellt, muss auch bezahlen! Diesem Vertrag können wir deswegen so nicht zustimmen.

Schwamm drüber? – ein paar Gedanken zum Doktortitel von Herrn Graf

Seit 2010 trug Florian Graf, seines Zeichens mittlerweile Fraktionsvorsitzender der (mit)regierenden CDU, den Doktor im Namen. Jetzt hat die Universität Potsdam ihm diesen aberkannt. Und man scheint beruhigt aufzuatmen – ist ja nochmal gut gegangen, er hat den Fehler ja selbst eingestanden.

Dass Graf eineinhalb Jahre lang mit einem erschlichenen Titel durch die Welt lief, sich im Parlament und anderswo so aufrufen und anreden ließ, wissenschaftliche Kompetenz vortäuschte und den daran hängenden Reputationgewinn einfach mal so einstrich – Schwamm drüber.

Dass Graf eineinhalb Jahre lang und damit auch einen ganzen Wahlkampf hindurch erst als Parlamentarischer Geschäftsführer und seit November 2011 als Fraktionsvorsitzender die Öffentlichkeit zum Narren gehalten hat – Schwamm drüber.

Dass Graf mittlerweile in einer ganzen Reihe illustrer Namen steht, die allesamt den Titel wohl mehr des Titels wegen anstrebten, und es dabei mit der eigenständigen wissenschaftlichen Leistung nicht so ernst nahmen – Schwamm drüber.

Oder doch nicht?

Was genau macht diesen Fall weniger empörenswert als die causa Guttenberg oder das Plagiat von Frau Koch-Mehrin? Nichts, auch nicht Grafs Flucht nach vorne: Es geht jeweils um wissenschaftliches Fehlverhalten. Wissenschaft funktioniert im Austausch und in der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und Gedanken anderer. Genau deswegen ist es zentraler Bestandteil der Darlegung, zwischen Eigenem und Fremdem in einer wissenschaftlichen Arbeit zu unterscheiden. Es geht dabei nicht ums ‚Copyright‘. Es geht um Transparenz und das Nachvollziehbarmachen der Ergebnisse, zu denen einE WissenschaftlerIn kommt. Dies ist selbstverständlicher Teil der immanenten Qualitätssicherung des Systems Wissenschaft. Wissenschaft funktioniert nur deswegen, weil sich (fast) alle an diese Vereinbarung halten. Das ist ähnlich wie mit Geld. Geld- statt Tauschwirtschaft funktioniert über die gemeinsame Verabredung, dass sich alle an die Regeln halten, Geld nicht zu fälschen. Sonst hätte es keinen Wert. Hier hat einer Wissenschaft gefälscht. Warum er das getan hat, muss er selbst wissen. Was er getan hat, ist klar: Er hat damit gleich zwei vertrauensbasierten Systemen einen Bärendienst erwiesen: der Wissenschaft – und der repräsentativen Demokratie, die davon lebt, dass ich jemandem weit genug vertrauen kann, dass er das ist, was er zu sein vorgibt, wenn ich mich entscheide, wen ich wähle und damit mandatiere.

Einfach "Schwamm drüber!" kann also definitiv nicht sein. Sowohl seine eigene Fraktion, die CDU, als auch der Koalitionspartner SPD (der im Fall Guttenberg gern und kräftig zugelangt hat!) müssten sich die Frage gefallen lassen, was für eine Aussage es über die Vertrauenswürdigkeit von Spitzenleuten ist, wenn sie jetzt zur Tagesordnung übergehen.

Ob sie dies tun, werden wir morgen nach der Fraktionssitzung der CDU wissen.

Google gründet sich ein Institut

Grundsätzlich ist es erfreulich, wenn

  • Berlin zunehmend zum interessanten Standort für Think-Tanks (und als solches muss man das Institut mE sehen) wird,
  • sich ein Unternehmen wie Google für die Wissenschaft engagiert,
  • so namhafte Institutionen wie das WZB und die HU und ihre WissenschaftlerInnen an einer solchen Sache beteiligt sind,
  • endlich mal Sachverstand und wissenschaftliche Fundierung der Auseinandersetzung der Wechselwirkungen von Medium Internet und Gesellschaft gebündelt und sichtbar werden.

Gerade zu letzterem sollte man aber auch fragen: Warum haben gerade die großen Berliner Universitäten und Hochschulen, die alle InformatikerInnen, Sozial- und GesellschaftswissenschaftlerInnen usw. haben, bislang nichts dergleichen auf die Beine gestellt? Kann es sein, dass in der eklatanten Finanzknappheit unserer Hochschulen solche Themen eben nicht ganz vorne mit dabei sind? Weil ‚harte‘ Informatik besser Fördermittel anzieht? Weil Fragen wie die Wechselwirkungen zwischen Medien und ihren NutzerInnen oft als schwer fassbar gelten, und im Regelfall weniger tolle Schaubilder abgegeben, und in ihren Forschungsfragestellungen oft viel mehr Differenziertheit erfordern, als man in drei Sätzen öffentlichkeitswirksam verkaufen kann? Dann wäre die These des Journalisten und Bloggers Philip Banse richtig, dass es sich hierbei um ein „Armutszeugnis“ für die bundesdeutsche Wissenschaft handelt.

Staatliche finanzierte und (hoffentlich) unabhängige Institutionen und WissenschaftlerInnen sollten selbst in der Lage sein, Zukunftsfelder zu identifizieren, diese zu bearbeiten, und sie sollten sich öffentlichkeitswirksam in den Debatten zu Wort melden. Mehr fundierte Beiträge und weniger Bauchgefühl hätte so einigen Diskursen der letzten paar Jahre sehr gut getan – ob zum Thema gewalthaltige Spiele, Privatsphäre und Öffentlichkeit und ‚Social Media‘, oder den unrühmlichen Debatten zu Netzsperren und dem JMStV. Wenn genau jene Institutionen und ihre WissenschaftlerInnen dies aber nicht tun, bleibt zu fragen: Warum? An mangelndem Interesse der WissenschaftlerInnen kann es eigentlich nicht liegen – ich selbst kenne mehrere SozialwissenschaftlerInnen, die sich mit Teilfragen im Themenkreis "Internet und Gesellschaft" fundiert und exzellent auseinandersetzen. Die Finanzierung ist allerdings oft wackelig. Da versagt Forschungsförderung offenbar. Wer sich anguckt, welche Fragen zum Beispiel durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der „HighTech-Strategie“ unterstützt werden, muss feststellen: "Künftige Schwerpunkte auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien sind die technische und rechtliche Entwicklung des Internets der Zukunft, die globale Konsensbildung bei Standardisierungsfragen und die Erarbeitung einer Nationalen Roadmap zu Embedded Systems." Von der Befassung mit den Wechselwirkungen zwischen Menschen und Technik, zwischen Gesellschaft und Medien ist da leider keine Rede. Ich wüsste da einige Fragen, die anstehen (wahrlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit!): Was macht das alles eigentlich mit unserem Verständnis von Partizipation, von Information und Anspruch auf Information? Wie verändert sich das Gefühl von Nähe und Entfernung durch fast permanente Ko-Präsenz, vor allem, wenn diese schon von früh an erlebt wird? Welche Folgen hat die Aufweichung der Grenzen von ProduzentIn und KonsumentIn von Inhalten? Wem gehört der Inhalt – nicht juristisch, sondern moralisch? Wie ändern sich Machtausübung, Manipulation und Meinungsbildung? Wie durchdringen sich privates, Beruf und andere bislang im gern als getrennt betrachtete Sphären, und welche Folgen hat das?

Diese Fragen darf jetzt das Google Institut ergründen.

Es wird viel davon abhängen, ob es gelingt, die behauptete Distanz zum Namensgeber Google tatsächlich einzuhalten und so echte Freiheit von Forschung an dieser Stelle zu realisieren. 4,5 Mio. Euro sind nicht weltbewegend viel – in einem Bereich, der derzeit wissenschaftlich wenig sichtbar ist, ist die Hebelwirkung dieser Summe aber relevant.

Auch relevant – und zwar für das Unternehmen Google – ist die Chance, mit dieser öffentlichkeitswirksamen Maßnahme sein Ansehen in der Bundesrepublik zu verbessern. Nach der Street View Empörung von 2010 (die ich mindestens in Bezug auf das Abscannen von WLANs teile) ist dies bitter nötig.

[Im Rahmen von Reputation Management sind 4,5 Mio. € übrigens ein Schnäppchen – wann kommt eigentlich die Facebook University? 😉 ]

Von „Leistungsanreizen“, „Begabtenförderung“ und „Rekutierungstools“

Vergangenen Mittwoch lud der Wissenschaftsausschus zur Anhörung – auf Antrag der FDP-Fraktion durften wir über die Umsetzung des so genannten "Deutschlandstipendiums" diskutieren. (Schon den Namen finde ich arg merkwürdig, aber das ist eine andere Sache.)

Es lässt sich Vieles am Modell des Stipendiums nach nationalem Stipendiengesetz (NatStipG) kritisieren, aber zwei Dinge haben es mir besonders angetan:

1. Das Stipendium ist eine typische "Wer hat, dem wird gegeben!"-Sache. Sagen nicht nur VertreterInnen der ASten, sondern davor warnt der Präsident des Deutschen Studentenwerkes. Er sagt: "Nach der 19. Sozialerhebung haben die Studierenden im Schnitt monatliche Kosten von mehr als 800 Euro. Wer studiert, benötigt daher wesentlich mehr als 300 Euro. Wer jedoch dauernd jobben muss, um sein Studium zu finanzieren, wird kaum die erforderlichen überdurchschnittlichen Leistungen erbringen können. So werden vom Deutschlandstipendium vorrangig die profitieren, die es finanziell weniger nötig haben." Quelle Darauf hinzuweisen, das zu thematisieren, war der den TOP beantragenden FDP-Fraktion schon wieder "zu ideologisch". Trotzdem: Begabtenförderung ist das nicht – selbst wenn man das Konstrukt ‚Begabung‘ für sinnvoll hält. Selbst die nichtfachgebundenen Stipendien sind wegen ihrer dann doch zu geringen Höhe Mittel im Rahmen der Reproduktion von bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, und nicht Mittel der Überwindung der sozialen Selektion im Bildungswesen.

2. Dort, wo es in größerem Ausmaß Zustiftungen durch Unternehmen gibt, ist das ‚Deutschlandstipendium‘ vor allem eine staatlich kofinanzierte Rekrutierungsmaßnahme für exzellenten Nachwuchs der Wirtschaft. Sehr bezeichnend war, was der Vertreter der Fachhochschulen in der Anhörung, Prof. Reissert (HWR) aus Baden-Württemberg zu berichten wusste: Hier spreche man das bei den mittelständischen Unternehmen ganz offen aus, das sei das preiswerteste und zielgenaueste Personalgewinnungstool, das sie hätten. Der Einfluss der Unternehmen auf die Ausgestaltung der Stipendien und die Auswahlentscheidungen durch die Hochschulen (die das Ganze einwerben und verwalten müssen) war im Vorfeld des Beschlusses zum NatStipG einer der zentralen Kritikpunkte. Deswegen dürfen sie nun die Auswahlkommissionen auch nur "beraten". Wie weit die Beratung geht, legt niemand fest. Die Vertreterin der IHK in der Anhörung forderte klar, dass den Unternehmen mehr Einfluss als sieohnehin schon haben, gewährt werden solle – immerhin hätten sie ja ein Interesse an denen, die sie da fördern. Eben – und da kommen wir zum Problem: Wer nicht den Vorstellungen der Unternehmen entspricht, die nicht nur die Hochschulen ‚beraten‘, sondern auch festlegen, für welche Fächer ihr Stipendiengeld ausgehändigt werden soll, hat selbst bei überdurchschnittlichen Leistungen keine Chance.

Wer gibt, erwartet eine Gegengabe. Was haben die per Stipendium Geförderten zu geben? Wer das "Fa. Meyer & Söhne-Stipendium" bekommt, wird sich sicher mindestens einem gewissen moralischen Druck ausgesetzt sehen, sich positiv zum Unternehmen zu stellen. In Zeiten von Konkurrenz um Fachkräfte in technischen und naturwissenschaftlichen, aber auch anderen hochspezialisierten Bereichen sicherlich nicht schlecht für Fa. Meyer & Söhne.

Über allem drüber schwebte dann die (natürlich total ideologiefreie!) Einschätzung von FDP, CDU und IHK, das ‚Deutschlandstipendium‘ sei ein sinnvolles Mittel, um wieder mehr Leistungskultur an den deutschen Hochschulen zu verankern, Leistung positiv zu fördern etc. Das war dann selbst dem Fachhochschulvertreter zu viel, der deutlich darauf hinwies, dass es bei der Prüfungsdichte usw. heute darum ginge, weniger Leistungskultur im Studium zu fördern, und mehr Zeit für Bildung.

Lesenswert wird sicher das Wortprotokoll der Anhörung – Link kommt, wenn das Protokoll da ist 🙂