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Giffey, Guttenberg, Graf: Die große Koalition der Promotionsbetrüger:innen

Heute, am 10. Juni 2021, hat das Präsidium der FU Berlin in einer delikaten Sache entschieden. Angelegenheiten wissenschaftlichen Fehlverhaltens sind normalerweise nichts, womit man das Präsidium einer solchen Institution befassen muss. Träger von Forschung und Lehre sind ja nicht zufällig die Fakultäten (bzw. Fachbereiche).

Doch hier ist es anders: Wieder einmal geht es um die Promotion einer Person von öffentlichem Interesse, nämlich aus der Politik. Und auch hier nicht um irgendwen: Franziska Giffey, SPD-Spitzenkandidatin für die im Herbst anstehende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, die Hoffnung der SPD, das Rote Rathaus doch nicht abgeben zu müssen nach zwanzig Jahren.

Ihr Amt als Bundesfamilienministerin hatte Giffey schon im Mai abgegeben. Wahrscheinlich war schon da für sie klar, dass das Ganze diesmal nicht so glimpflich wie bei der ersten Überprüfung 2019 abgehen würde, als ihr lediglich eine Rüge für unsauberes Arbeiten erteilt wurde. Damals hatte die CDU viel Wirbel gemacht und eine erneute Überprüfung gefordert. Gerade die CDU…

Schon im November 2020 hatte Giffey erklärt, sie werden fürderhin auf ihren Doktortitel ‚verzichten‘. Wie auch andere Politiker:innen, deren Promotionen bei genauerem Hinsehen nicht der obersten Regel der Wissenschaftlichkeit – Eigenes und Fremdes in der Argumentation sauber trennen – tat sie dabei so, als sei das ein großmütiger Akt, ein Verzicht ihrerseits. Nur: Man kann auf einen Doktorgrad nicht einfach ‚verzichten‘. Man kann lediglich darauf verzichten, ihn auf das Türschild oder die Visitenkarte zu schreiben. Ein Doktorgrad wird verliehen, und in diesem konkreten Fall auch wieder entzogen.

Im Mai schrieb Giffey an ihre Landespartei:

Da hat sie ja irgendwie schon recht: Niemand sollte auf irgendwelche Titel, errungenen Grade oder Abschlüsse reduziert werden. Niemand ist nur sein Titel oder Abschluss. Andersherum gilt aber auch: Die, die sich dazu entschlossen haben, eine bestimmte Qualifikation zu absolvieren, haben das Recht, dass ihre Arbeit und Kompetenz anerkannt wird. Eine Promotion ist der Ausweis der Befähigung eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Zurecht wird erwartet, dass, wer in der Wissenschaft tätig ist ab einem bestimmten Niveau eine solche Qualifikation vorweisen kann. Es gibt Wege in die Wissenschaft jenseits der Promotion – die sind aber genauso steinig, und wahrscheinlich noch weniger berechenbar. Denn der Nachweis wissenschaftlicher Befähigung, anerkannt durch andere, bereits Qualifizierte im eigenen Fach, fehlt. Giffey ist kein Opfer irgendwelcher Ränkeschmiede oder Machenschaften, und auch nicht eines unfairen Verfahrens. Die FU Berlin hat auf ihrer  Webseite zum Verfahren genauestens erklärt, wie und was geprüft wurde, und was das Ergebnis ist. Giffey hat in ihrer Promotion betrogen, und das ist nun entsprechend gewürdigt worden. 

Promovieren soll, wer wissenschaftlich tätig sein will – mindestens im Moment der Promotion. Wer einen relevanten Beitrag zur Weiterentwicklung seines/ihres Faches leisten will, wer eine relevante Frage ergründen oder These prüfen will, ist hier genau richtig. Warum promovieren aber Politiker:innen? 

Giffey war Europabeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln, als sie ihre Arbeit mit dem Titel „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ verfasste. 

Florian Graf, eine Zeit lang Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, hat zu „Der Entwicklungsprozess einer Oppositionspartei nach dem abrupten Ende langjähriger Regierungsverantwortung“ geschrieben. Es ging da übrigens um die Berliner CDU nach dem Bankenskandal.

In der „Zeit“ hat Thorsten Denkler 2011 mal einige weitere prominente Fälle aufgelistet, wo es wohl eher weniger um die echte Wissenschaft ging, sondern eher darum, mit möglichst wenig Aufwand an den begehrten Titel zu kommen: Club der akademischen Schönfärber

Offenbar gibt es noch bei zu vielen die Vorstellung, die zwei Buchstaben vor dem Namen seien auch wichtig, um höhere Positionen anderswo zu erreichen. 


Ach ja – Florian Graf. Der gab unter großer Zerknirschung 2012 zu, dass er „einen großen Fehler“ gemacht habe, und dass seine Dissertation teilweise bei anderen Autoren abgeschrieben war.

Damals habe ich aufgeschrieben, was für mich Plagiate in der Wissenschaft und Geld fälschen miteinander zu tun haben. 

Hier mein Blogbeitrag aus 2012:

Schwamm drüber? – ein paar Gedanken zum Doktortitel von Herrn Graf

Seit 2010 trug Florian Graf, seines Zeichens mittlerweile Fraktionsvorsitzender der (mit)regierenden CDU, den Doktor im Namen. Jetzt hat die Universität Potsdam ihm diesen aberkannt. Und man scheint beruhigt aufzuatmen – ist ja nochmal gut gegangen, er hat den Fehler ja selbst eingestanden.

Dass Graf eineinhalb Jahre lang mit einem erschlichenen Titel durch die Welt lief, sich im Parlament und anderswo so aufrufen und anreden ließ, wissenschaftliche Kompetenz vortäuschte und den daran hängenden Reputationgewinn einfach mal so einstrich – Schwamm drüber.

Dass Graf eineinhalb Jahre lang und damit auch einen ganzen Wahlkampf hindurch erst als Parlamentarischer Geschäftsführer und seit November 2011 als Fraktionsvorsitzender die Öffentlichkeit zum Narren gehalten hat – Schwamm drüber.

Dass Graf mittlerweile in einer ganzen Reihe illustrer Namen steht, die allesamt den Titel wohl mehr des Titels wegen anstrebten, und es dabei mit der eigenständigen wissenschaftlichen Leistung nicht so ernst nahmen – Schwamm drüber.

Oder doch nicht?

Was genau macht diesen Fall weniger empörenswert als die causa Guttenberg oder das Plagiat von Frau Koch-Mehrin? Nichts, auch nicht Grafs Flucht nach vorne: Es geht jeweils um wissenschaftliches Fehlverhalten. Wissenschaft funktioniert im Austausch und in der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und Gedanken anderer. Genau deswegen ist es zentraler Bestandteil der Darlegung, zwischen Eigenem und Fremdem in einer wissenschaftlichen Arbeit zu unterscheiden. Es geht dabei nicht ums ‚Copyright‘. Es geht um Transparenz und das Nachvollziehbarmachen der Ergebnisse, zu denen einE WissenschaftlerIn kommt. Dies ist selbstverständlicher Teil der immanenten Qualitätssicherung des Systems Wissenschaft. Wissenschaft funktioniert nur deswegen, weil sich (fast) alle an diese Vereinbarung halten. Das ist ähnlich wie mit Geld. Geld- statt Tauschwirtschaft funktioniert über die gemeinsame Verabredung, dass sich alle an die Regeln halten, Geld nicht zu fälschen. Sonst hätte es keinen Wert. Hier hat einer Wissenschaft gefälscht. Warum er das getan hat, muss er selbst wissen. Was er getan hat, ist klar: Er hat damit gleich zwei vertrauensbasierten Systemen einen Bärendienst erwiesen: der Wissenschaft – und der repräsentativen Demokratie, die davon lebt, dass ich jemandem weit genug vertrauen kann, dass er das ist, was er zu sein vorgibt, wenn ich mich entscheide, wen ich wähle und damit mandatiere.

Einfach „Schwamm drüber!“ kann also definitiv nicht sein. Sowohl seine eigene Fraktion, die CDU, als auch der Koalitionspartner SPD (der im Fall Guttenberg gern und kräftig zugelangt hat!) müssten sich die Frage gefallen lassen, was für eine Aussage es über die Vertrauenswürdigkeit von Spitzenleuten ist, wenn sie jetzt zur Tagesordnung übergehen.

Ob sie dies tun, werden wir morgen nach der Fraktionssitzung der CDU wissen.


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