Zulassung zum Medizinstudium: Wir brauchen mehr Studienplätze und ein neues Zulassungssystem - Bericht aus dem Ausschuss für Wissenschaft

Zulassung zum Medizinstudium: Wir brauchen mehr Studienplätze und ein neues Zulassungssystem – Bericht aus dem Ausschuss für Wissenschaft

Heute beschäftigte sich der Ausschuss für Wissenschaft u.a. mit den Zulassungsmodalitäten für das Medizinstudium an der Berliner Charité. Zur Anhörung wurden Herr Burkhard Danz, Leiter der Studienangelegenheiten an der Charité in Berlin, und Herr Prof. Dr. Matthias Anthuber, Chefarzt im Klinikum Augsburg, eingeladen. Anschließend befasste sich der Ausschuss mit der Petition "Studienplatz für Medizin unter Berücksichtigung der beruflichen Qualifikation".

Im Jahr 2000 belief sich die Wartezeit für ein Medizinstudium auf vier Semester. Laut Verfassungsgericht eine mit der Berufswahlfreiheit vereinbare Zeit. Heute ist diese Wartezeit aber auf dreizehn Semester gestiegen, weil pro Jahr ca. 40.000 Student*innen um 9.000 Medizinstudienplätze konkurrieren. Wer diese Wartezeit sinnvoll nutzt, z.B. durch eine Berufsausbildung im Gesundheitsbereich, wird trotzdem nicht bevorzugt. Und wer kein Abitur hat, sondern eine facheinschlägige Berufsausbildung (z. B. als Krankenpfleger/-schwester) und langjährige Berufserfahrung, wird sowieso ganz hinten auf der Warteliste gesetzt - und hat damit überhaupt keine realistischen Chancen, jemals Medizin zu studieren. Deshalb brauchen wir neue Regelungen für das Zulassungsverfahren zum Medizinstudium, denn bisher wird im Regelfall nur auf die Abiturnote, eventuell gewichtete Fachnoten, und auf das Ergebnis eines Eignungstests geschaut.

Prof. Dr. Anthuber schilderte das Problem: Man muss zwischen der Fähigkeit zum Studieren und der Qualität des Arztes bzw. der Ärztin unterscheiden. 30 % der neuen Chefärzt*innen überstehen nicht ihr erstes Dienstjahr, weil sie einen Mangel an sozialen Kompetenzen beweisen. Prof. Dr. Anthuber plädiert dafür, dass dem Medizinstudium ein sechsmonatiges Praktikum vorangestellt wird, in dem man alle Ebene des Gesundheitssystems kennenlernt und das durch Mediziner*innen und Vertreter*innen von Patienten und Pflegekräften ausgewertet wird. Die Tatsache, dass man eine Abiturnote zwischen 1,0 und 1,6 bekommen muss, um für ein Medizinstudium zugelassen zu werden, stellt viel zu hohe Anforderungen an den Schülerinnen und Schülern, die heutzutage schon mit 17 Jahren Abitur machen. Sie müssen sich schon in den stürmischen Entwicklungszeiten der Pubertät für ein Medizinstudium orientieren, die richtigen Fächer auswählen und für die richtigen Noten sorgen. Deshalb müsste man praktische Erfahrungen vor dem Medizinstudium anerkennen und fördern. Der Arztberuf setzt sowohl fachliche als emotionale Intelligenz voraus - und das Medizinstudium eine bestimmte Leidensfähigkeit. Diese Kriterien lediglich anhand der Abiturnote und des Zugangstests feststellen zu wollen ist völlig unzulänglich, dies ging aus der Aussage von Prof. Dr. Anthuber hervor.

Wir brauchen ein neues Zulassungssystem, dafür steht auch Herr Danz, Leiter der Studienangelegenheiten an der Charité in Berlin. Er weist aber auch darauf hin, dass es eine hoch komplizierte Materie ist. Er ist der Meinung, dass jede*r Student*in, der oder die Medizin studieren will, für das Medizinstudium geeignet ist - eine Aussage, die wir als grundsätzliche Feststellung sehr begrüßen und teilen. Die heutige Frage im Ausschuss war aber: Wie betreiben wir die Zulassungsverfahren in Berlin? Es geht um die Grundsatzfrage, ob auch Menschen ohne Abitur, dafür aber mit einem entsprechenden Berufsabschluss, studieren dürfen.

Und hier begibt man sich in ein riesengroßes Problemfeld: Einerseits haben wir mit dem Abitur, also der Allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung, eine Schulabschlussprüfung, und - so die breit geteilte Ansicht im Ausschuss - sollten auch nicht einfach vom bewährten System abgehen und stattdessen z. B. grundsätzlich Eingangstests einführen. Andererseits haben wir erstens in vielen Bereichen zu wenig Studienplätze - mindestens gemessen an der Nachfrage durch Studieninteressierte in Bereiche wie Lehramt und Medizin, aber auch am Bedarf an Absolvent*innen gemessen. Und zweitens sind wir aber durch die Bolognareform längst in einem System angekommen, dass auf der Gleichwertigkeit von Qualifikationsniveaus basiert. Wie dies dann durchzusetzen ist, ist die offene Frage.

Für uns ist klar: Es ist absurd, sich über den Mangel von Ärzt*innen zu beschweren, wenn man nicht genug Studienplätze anbietet, und wenn man den Menschen, die Medizin studieren wollen, so viele Hindernisse in den Weg legt. Wir brauchen mehr Studienplätze und wir brauchen eine Änderung des Zulassungsverfahrens zum Medizinstudium. Im Namen der Freiheit der Berufswahl sollten wir Möglichkeiten schaffen, in denen sowohl die Studierenden mit guten Abiturnoten als auch erfolgreiche Berufstätige bei der Zulassung zum Medizinstudium berücksichtigt werden.

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