Rede zur Sportprofilquote

Rede zur Sportprofilquote

Vielen Dank, Herr Präsident! - Meine Damen und Herren! Vor uns liegt ein Antrag, der sich eindeutig auf die Hochschulzulassung bezieht. Von daher möchte ich zu Anfang meiner Rede ganz kurz auf meine leichte Irritation hinweisen, dass es offensichtlich in den meisten Fraktionen, zumindest wenn ich mir die Auswahl der Reden-den hier anschaue, eher als ein rein sportpolitisches Thema betrachtet wird.

Wir haben schon im Vorfeld, auch am Rande von anderen Veranstaltungen, immer wieder Diskussionen darüber geführt, wie das mit der Vereinbarkeit von Leistungssport und qualifizierter Berufsausbildung ist. Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Auch ich sehe, auch wir sehen es als Ziel, dass diejenigen, die sich für einen Teil ihres Lebens dem Leistungssport verschreiben, dadurch nicht beruflich ins Hintertreffen geraten. Denn das von Ihnen gebrachte Beispiel, Herr Kollege, ist ja genau richtig: Wahrlich nicht jeder wird damit reich - im Gegenteil, das ist eine ganz marginale Minderheit. Von daher muss man sich da Gedanken machen. Das ist richtig.
Die Frage ist aber: Erstens sprechen Sie von einem Lückenschluss: Haben wir das Problem wirklich? Das ist jetzt vielleicht eine etwas ungewohnte Frage, wenn man hier einen Gesetzentwurf diskutiert. Ich möchte dazu nur auf Folgendes verweisen: Als ich das erste Mal angesprochen wurde: Wir brauchen doch ganz dringend eine Profilquote Sport -, da habe ich gefragt: Wie viele Leute betrifft denn das? - Das kann mir bis heute leider keiner sagen. Die E-Mail-Auskunft vom Olympiastützpunkt spricht davon: Es könnte sein, dass wir etwa zwei Dutzend bis 30 Personen im Jahr haben, bei denen es schwierig ist, dass sie ein Studium aufnehmen. Eine Kleine Anfrage, die ich daraufhin gestellt habe, weil ich dachte, das wüsste ich jetzt gern mal genauer, ist weitestgehend mit "Keine Angabe" beantwortet worden. Und die Hoch-schulen, die konkrete Angaben dazu gemacht haben, wie viele Ablehnungen es in den Jahren 2010, 2011, 2012 gegeben hat, kommen auf eine Gesamtsumme von zwei. Vor diesem Hintergrund stelle ich ganz vorsichtig die Frage, ob wir das wirklich in dieser Form brauchen.

Denn der Grund, warum wir das als Hochschulzulassungsfrage diskutieren, ist eine relativ simpler: Hochschulzulassungsrecht ist nicht umsonst eine der am häufigsten beklagten Angelegenheiten vor Verwaltungsgerichten an Hochschulstandorten. Es handelt sich hierbei nämlich um eine geduldete Grundrechtseinschränkung. Jedes Mal, wenn ich also am Hochschulzulassungsgesetz "herumschraube", muss ich mir darüber im Klaren sein, dass ich eine Abwägung treffe, wessen Grundrecht ich wann wie einschränke, nämlich das Grundrecht auf freie Berufswahl, das schlicht und ergreifend gegebenenfalls an ein entsprechendes Studium gekoppelt ist. Vor diesem Hintergrund kann ich nur sagen: Ganz, ganz vorsichtig bitte, welche Abwägungen man hier vornimmt!

Es gibt eine Vereinbarung zwischen der Hochschulrektorenkonferenz, den Kultusministern/Kultusministerinnen, den Sportministern/Sportministerinnen, dem Olympischen Sportbund zu Spitzensport und Hochschulstudium. Da wird die Notwendigkeit einer Profilquote Sport vor allem mit zwei Dingen begründet. Erstens: Leistungen deutscher Sportlerinnen und Sportler im internationalen Vergleich tragen nicht unwesentlich zur Wahrnehmung und zum Ansehen Deutschlands in der Welt bei. - Da kann ich nur sagen: Ich glaube, wir haben es hier mit Bildung zu tun. Es würde sicherlich auch zum Ansehen Deutschlands beitragen, wenn wir es endlich schaffen würden, unser Bildungssystem etwas gerechter zu gestalten.

Zweitens wird auf die zu dem Zeitpunkt einer Studienaufnahme bereits getätigten, nicht unerheblichen finanziellen Investitionen in diese Person verwiesen. Das kann man jetzt rein betriebswirtschaftlich so sehen. Aber ganz ehrlich: Wir haben in Berlin eine andere Situation als zum Beispiel in Schleswig-Holstein oder in Brandenburg. So schön die Hochschulstandorte dort sicherlich auch sind, sie sind längst nicht so nachgefragt wie unsere. Und für uns ist es durchaus nicht ganz so einfach, evident zu behaupten, dass es in erheblich größerem Ausmaß im öffentlichen Interesse liegt, Sportlerinnen und Sportler zu fördern, wenn ich dadurch gleichzeitig Menschen abweisen muss, die zum Beispiel sozial engagiert sind, die Familie haben, die bei "Jugend musiziert" erfolgreich abgeschnitten haben oder Ähnliches. Genau diese Abwägung aber bürden Sie mit Ihrer vorgeschlagenen Regelung den Hochschulen auf.
[Lars Oberg (SPD): Autonomie!]
- Ja, Sie werfen das Schlagwort "Autonomie" ein. Als die Hochschulen an mich herangetreten sind mit dem Hin-weis, sie würden das gern machen, habe ich gesagt: Seien sie bitte ganz, ganz vorsichtig, was Sie sich da wünschen. - Denn das, was Sie in dem Gesetz vorschlagen, heißt - ich zitiere:

Bewerberinnen und Bewerber, die einem im öffentlichen Interesse förderungswürdigen Personenkreis angehören … Und dann kommt die Insbesondere-Regelung. Das können auch ganz andere sein. Und was Sie machen - darüber möchte ich dann in den beiden zuständigen Ausschüssen sehr ausführlich reden, das können wir hier nicht in einer Fünf-Minuten-Rede abhandeln -, ist diese Entscheidung: Wer ist förderungswürdiger als ein anderer? Ist ein Sportler, eine Sportlerin förderungswürdiger als eine Person, deren Abinote z. B. vielleicht auch nicht ganz so toll war, weil er oder sie nicht die familiäre Unterstützung hat, weil er oder sie die erste Person aus der Familie über-haupt ist, die auf ein Gymnasium gegangen ist und jetzt studieren gehen will? Wer von beiden ist dann förderungswürdiger? Diese Entscheidung bürden Sie den Hochschulen auf. Ich glaube, das ist nicht gut. - Danke!

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