Rede zum Antrag der Regierungskoalition ‚Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre’

Rede zum Antrag der Regierungskoalition ‚Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre’

Auszug aus dem Plenarprotokoll 16/20

Vizepräsidentin Karin Seidel-Kalmutzki:

Vielen Dank, Frau Abgeordnete Baba! - Für die Fraktion der Grünen hat jetzt Frau Abgeordnete Schillhaneck das Wort. - Bitte!

Anja Schillhaneck (Grüne):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich beginne gern einmal mit dem, womit der Kollege Zimmer geendet hat. - Sie wollten ein Lob? Fühlen Sie sich gelobt! Ja, Sie haben das gut gemacht, die längst zugesagten 1,5 Millionen €, die eigentlich aus den Hochschulpaktmitteln kommen sollten, aus dem Masterplan zu erhalten. Das hatten Sie auch in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben. Es war sicherlich keine einfache Aufgabe, dies Ihrem Senator aus den Rippen zu leiern. Das kann ich mir vorstellen. Das haben Sie gut gemacht - schön.

Das ist aber nicht der einzige Inhalt Ihres Antrags. Ich überlege gerade, wie ich nun am besten anfange - vielleicht mit einem "ach, Frau Baba". Ich will Ihnen gar nicht absprechen, dass Sie sich intensiv mit der Lage der institutionalisierten Frauenförderung an den Berliner Hochschulen befasst haben. So ganz kann ich Ihren Blick und Ihre Darstellung aber doch nicht nachvollziehen. Zum einen betrifft das die Problemanalyse. Die Frage ist nicht, ob wir in der Wissenschaft ein männliches Arbeitsethos haben, das weiblichen Lebens- und Arbeitsvorstellungen widerspricht. Frauen- und Geschlechterforschung macht sich schon lange nicht mehr an der klaren Trennung zwischen männlich und weiblich fest. In der Wissenschaft prallt es so aufeinander, dass es nicht klappen kann, weshalb wir Förderprogramme für Frauen brauchen. Über solche Festlegungen sind wir schon längst hinweg, Frau Baba. Die Frage ist nicht, ob wir Frauen- und Geschlechterforschung oder Programme zur Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre brauchen, weil Frauen in irgendeiner Form defizitär wären. Es ist einfach so, dass die Kritik an gesellschaftlichen Zuschreibungen von Angemessenheit nicht erst da einsetzen darf, wo eine Frau promoviert.

Der Hinweis, dass das längst nicht nur in den Ingenieurwissenschaften der Fall ist, war völlig richtig. Wenn man sich ansieht, wie es mit den Besetzungen beispielsweise in den Geisteswissenschaften aussieht, überkommt einen das Gruseln. Das eine Bastion von Männern. Das ändert sich auch nicht ganz so schnell. Da ist das Berliner Programm in der Vergangenheit sehr erfolgreich gewesen, einiges daran zu bewegen. Es gäbe aber noch viel mehr, was man tun könnte. Beispielsweise vermisse ich an Ihrem Antrag, was mit dem politischen Willen ist, sich dar- um zu kümmern, den § 15 des Landesgleichstellungsgesetzes auch einmal an den Hochschulen umzusetzen.

[Beifall bei den Grünen]

Das ist der Paragraf, in dem steht, dass Gremien, die Entscheidungen mit direkten Auswirkungen auf berufliche Karrieren treffen, geschlechterparitätisch zu besetzen sind. Zeigen Sie mir eine Berufungskommission des letzten Kalenderjahres, bei der das gegeben war! Zeigen Sie mir ein Jahr, in dem die Kommission für die Vergabe außerplanmäßiger Professuren an der Charité auch nur einen nennenswerten Anteil von Frauen beinhaltet hätte! Es sind diese kleinen Dinge, um die es auch geht, und nicht nur die großen Programme, mit denen man sich durchaus auch einmal auf die Schulter geklopft fühlen kann.

Die Forderung zu sagen, Genderaspekte sollen verstärkt in die Studienreformprozesse einbezogen werden, ist richtig. Was ist vermisse und wo ich hoffe, dass wir das in der Aussprache über den Antrag noch erreichen werden, ist die Frage, wie Sie sich das vorstellen. Es gibt einige Ansätze. Beispielsweise gibt es an der TU eine Fakultät, die gesagt hat, dass alle Lehrenden zu einer Fortbildung müssen, die Genderaspekte in dem von ihnen gelehrten Fach beinhaltet. Es stehen dann da auch die Geoingenieurwissenschaftler und stellen fest, dass möglicherweise die Geschlechterfrage auch mit ihrer Wissenschaft irgendetwas zu tun hat, mit der Frage, wie sie Lehre machen, wie sie Welt begreifen und vermitteln. Das muss in allen Fächern umgesetzt werden. Ich würde mir ein politisches Bekenntnis dazu wünschen, dafür auch Geld bereitzustellen. Das ist im Berliner Programm noch gar nicht enthalten. Das ist auch nicht im Masterplan enthalten. Das sehe ich leider noch nicht. Das hätten wir aber gern.

[Beifall bei den Grünen]

Wie groß das kulturelle Problem in der Wissenschaft ist und warum ein Berliner Programm nicht ausreicht, sondern mit den anderen Forderungen untersetzt, diskutiert, betrachtet und politischer Druck gegenüber den Hochschulen ausgeübt werden muss, zeigt eine wunderbare Äußerung. Es geht um die Preisverleihung an eine herausragende Nachwuchswissenschaftlerin, Physikerin, aber das ist hier eigentlich unerheblich.

In der Pressemitteilung des Forschungsverbundes Berlin wurde gesagt, die Frau sei so herausragend gewesen, dass sie den Preis, der nur für Nachwuchswissenschaftlerinnen worden ausgelobt war, auch dann bekommen hätte, wenn Männer hätten mitmachen dürfen.

[Mieke Senftleben (FDP): Das ist doch blamabel!]

Es ist beschämend, wenn Leute eine solche Vorstellung davon haben, was Frauenförderung in der Wissenschaft ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass wir noch sehr viel - vor allem kulturell - zu verändern haben. - Danke!

[Beifall bei den Grünen]

Vizepräsidentin Karin Seidel-Kalmutzki:

Vielen Dank, Frau Abgeordnete Schillhaneck! - Für die Fraktion der FDP hat jetzt der Abgeordnete Czaja das Wort. - Bitte!

part

Leave a Reply

Close
Close

Please enter your username or email address. You will receive a link to create a new password via email.

Close

Close