Rede zum 77. Jahrestag der Massenverhaftungen und Deportation von Berliner Sinti und Roma nach Marzahn

Rede zum 77. Jahrestag der Massenverhaftungen und Deportation von Berliner Sinti und Roma nach Marzahn

Bei einerm solchen Jahrestag und einer so erfreulich gut besuchten Veranstaltung ist es mir nahezu unmöglich, Sie alle in der auch noch protokollarisch korrekten Reihen- und Rangfolge zu begrüßen. So viele sind hier. Und das ist wunderbar.

So möchte ich es denn beschränken und zwei Anreden, die mir ganz besonders am Herzen liegen:
Liebe Frau Rosenberg,

und sehr geehrte Überlebende und Kinder und Kindeskinder von Überlebenden!

"Zerstörte Vielfalt" - so lautet unser Berliner Leitspruch zum Gedenken und Erinnern an das Jahr 1933. Mit dem 30. Januar 1933, mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, wurde eine Diktatur etabliert, deren Menschenverachtung und deren 'Freund-Feind-Denken' in der ungeheuren Dimension nicht für möglich gehalten wurde. Nicht von den damals lebenden Zeitgenossen und auch nicht von den späteren Opfern, die überleben konnten.

Unter Hitler als Reichskanzler wurde Deutschland eine nationalsozialistische Diktatur mit einem Anspruch nach Weltherrschaft, der einzig und allein rassistisch begründet wurde. Der Rechtsstaat wurde komplett ausgehebelt, Bürgerrechte ignoriert. Installiert wurde ein Regime, das jüdische Mitbürger, Minderheiten und politisch Andersdenkende gnadenlos verfolgte, rücksichtslos ermordete. Zunächst in den eigenen Grenzen, später 1937 auch im 'angeschlossenen' Österreich und dann ab 1939 in ganz Europa. Jegliche Innenpolitik hatte bis dahin nur ein Ziel: die Unterdrückung und Militarisierung der Gesellschaft und die Mobilmachung der Wirtschaft, um eines Tages einen Eroberungsfeldzug durch ganz Europa zu starten.

Noch heute beschäftigt uns die Frage, wie dies alles passieren konnte. Wie konnte aus einer zivilisierten Nation im Herzen Europas ein Land werden, das den Frieden, die Toleranz, den Humanismus so brachial verteufelte?

Wir stehen heute nicht vor einem Rätsel, denn die zusammengetragenen geschichtlichen Fakten sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Aber wir verstehen nicht, dass Deutsche all das Ungeheuerliche geschehen ließen. Und mehr noch: tatkräftig mit dabei waren. Es ist ja nicht so, dass das nur 'passierte': Unzählige haben mitgemacht, aus Opportunismus, weil sie sich davon einen wie auch immer gearteten gewinn versprachen, oder auch weil sie schlichtweg davon überzeugt waren - auch die gab es!
Wir bleiben noch immer ratlos zurück. Doch eine Schlussfolgerung können wir ziehen: Das darf nie wieder geschehen. Niemals. Das ist unsere Verantwortung gegenüber der Weltgemeinschaft. Heute, morgen und für alle Zeit.

Ein wichtiger Baustein ist Erinnerungsarbeit, ist unsere Erinnerungskultur, mit der wir unsere Verantwortung als Deutsche dokumentieren. Zur Erinnerungskultur gehört ebenso das Gedenken. Das Gedenken an die Verbrechen der Deutschen, aber auch das Gedenken an die Opfer der Gewaltherrschaft Deutschlands. So wie es hier auf dem ehemaligen Gelände des Lagers Marzahn geschieht.

Zu den Opfern zählten auch Sinti und Roma. Frauen wie Männer, die als ‚Zigeuner‘ stigmatisiert wurden, weil sie angeblich nicht ins Gesellschaftsbild passten. Sie waren also prädestiniert für Verfolgung und auch für 'Ausmerzung'. Und das nicht nur in den Augen der Nationalsozialisten. Die Menschen allgemein wollten nichts mit ihnen zu tun haben, empfanden sie als 'fremd'. Das führte zur sozialen Ablehnung der Sinti und Roma, die auch noch in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende anhielt.

Das Lager Marzahn ist nun schon seit einiger Zeit ein Berliner Ort der Erinnerung an die Geschichte der Sinti und Roma. Und es ist ein Berliner Ort für das Gedenken an die Opfer. Insofern unterscheidet sich dieser Gedenkort vom Zentralen Mahnmal im Regierungsviertel, das im letzten Jahr endlich fertig gestellt wurde. Von hier aus wurden nahezu alle Familien ins sogenannte 'Zigeuner-Lager' nach Auschwitz deportiert. Von hier aus gab es nur für wenige ein Entkommen. Das Lager Marzahn war für die Sinti und Roma in Berlin ab 1936 eine vorläufige Endstation.

Ich weiß, dass das Lager Marzahn kein Konzentrationslager war. Und mir ist auch bewusst, dass es eine polizeiliche Zuständigkeit für dieses Lager gab. Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, dass Sinti und Roma nicht zu den Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes gehörten, ist vollkommen unberechtigt. Das Ende des Weges war das Konzentrationslager - einzig und allein wegen einer vermeintlichen "Rassen-Zugehörigkeit". Über 20.000 deutsche Sinti und Roma wurden ermordet, insgesamt waren es gar 500.000 Mordopfer. Da ist es schon zynisch, diesen Menschen noch nachträglich eine andere Behandlung nachzusagen.

Aus Deutschland ist nun zum Glück ein anderes Land geworden. Ein offenes Land. Und wir können sagen: Die deutschen Sinti und Roma gehören zu uns. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Und ihre Kultur bereichert uns.

Mir ist bewusst: Nicht alle Deutschen sehen es so. Es wäre falsch so zu tun, als würden alle sich darüber freuen, dass ab dem nächsten Jahr die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union gilt. Es werden von einigen wieder Ressentiments geschürt - auch gegen Roma aus Rumänien und Bulgarien.

Ich kann dazu nur sagen: Gerade die Roma werden in ihren Ländern selbst diskriminiert. Sie haben keinen wirklichen Zugang zum Arbeitsmarkt und ihren Kindern wird die Schulausbildung vorenthalten. Und wenn sich im Parlament jemand hinstellt, und meint, dass Roma und andere dort einfach "nicht so beliebt" seien, und deshalb jedenfalls hier nichts zu suchen hätten, dann ist das komplett unangemessen, und mir nahezu unerträglich!

Wenn diese Menschen zu uns kommen, weil sie die Hoffnung auf ein neues, wirklich selbstverantwortliches Leben haben, dann ist es gut, dass sie zu uns kommen. Genau diesen Menschen wollen wir helfen - vor allem im Rahmen der europäischen Integration. Wir können nicht so tun, als sei die Verwirklichung von Menschenrechten eine nationale Angelegenheit. Das kann nur derjenige so sehen, der den Sinn und den Erfolg eines geeinten Europas nicht verstanden hat. Die Teilung hatten wir lange genug. Und wir in Deutschland haben sehr wohl die Kraft - ökonomisch wie kulturell - die Idee der europäischen Freizügigkeit in kluge Integrationspolitik umzusetzen. Und diese Chance sollten wir auch nutzen.

Unsere gemeinsame Zukunft kann das ertragene Leid der Opfer deutscher Barbarei gewiss nicht schmälern. Dieses Unrecht bleibt in Stein gemeißelt. Aber dass wir zusammen eine neue Zukunft gewonnen haben, sollte uns froh stimmen. Aus der einst "Zerstörten Vielfalt" ist eine neue erwachsen. Eine Vielfalt mit europäischer Dimension. Es gilt, diese zu bewahren und auszubauen und dennoch wachsam zu bleiben. Damit das, was zwischen 1933 und 1945 von Deutschen ausging, nie mehr möglich ist. Freiheit und Diktatur gehen nie zusammen. Deshalb müssen wir alle die Freiheit schützen, wenn sie bedroht ist. Das sind wir auch den Opfern schuldig.

Ich danke Ihnen.

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