Media Dialogue in Istanbul - ein Gespräch

Media Dialogue in Istanbul – ein Gespräch

Ein Tagungsraum im 9. Stock des Hilton Bophorus Istanbul, bildschöner Blick über die Stadt - und Medienvertreter*innen unter anderem vom Hürriyet, CNN Türk und Milliyet. Über Resonanz konnten wir uns definitiv nicht beklagen. Organisiert und moderiert durch einen Vertreter von visit Berlin sollte dieser Programmpunkt keine klassische Pressekonferenz sein (was hätten wir uach zu verkünden gehabt?), sondern eher Gesprächscharakter haben, was auch ganz gelungen ist. Teilgenommen haben von Seiten der Delegation Präsident Wieland, Vizepräsident Gram und ich, begleitet durch die Chefin des Protokolls und den Direktor beim Abgeordnetenhaus (also der Verwaltungschef).

Nachdem wir initial den allerneusten Imagefilm für Berlin gezeigt bekommen haben, wurden wir gebeten, unsere Eindrücke zu schildern. Etwas glattes Parkett, sozusagen, aber der Eindruck einer dynamischen, lebendigen Stadt in Veränderung, in der sich sicher Vieles zum Besseren verändert hat, die aber auch in Unruhe ist, ist einfach der, den wir alle drei hatten und haben. Wir lobten die guten, langjährigen Verbindungen zwischen den beiden Partnerstädten (immerhin ist der Anlass unserer Reise ja das 25jährige Jubiläum selbiger), die Wirtschaftkontakte (ja, lassen sich ausbauen, wäre nett für beide Seiten), die Türkisch-Deutsche Universität und die Wissenschaftskooperationen, den Wert des interkulturellen Austausches und überhaupt.

Gleich die erste Nachfrageaus dem Kris der Medienvertreter*innen bezog sich dann auch darauf, ob wir wahrgenommen hätten, dass die rasante, dynamische Entwicklung der Stadt aber auch deutlich zulasten der Menschen hier ginge? Verdrängung an den Stadtrand in Wohnungen, die sich niemand leisten kann, um das Stadtzentrum zu ‚sanieren‘ und zu verändern - sei uns das aufgefallen? Mich hat die Frage ja gefreut, auch deswegen, weil es das erste Mal im Rahmen eines Termins hier war, dass jemand, den wir offiziell getroffen haben, aber nicht deswegen, weil er zur aktiven Opposition gegen diese Stadtentwicklung gehört, das so formuliert hat. Ja, wir haben das sehr wohl bemerkt. Definitiv. Und wir haben dann auch angemerkt, dass wir und Berlin durchaus gewisse Erfahrungen mit Kahlschlagsanierungen haben, was den Verlust von Authentizität und dem, was eine Stadt reizvoll macht, aber auch gewachsenen Beziehungen innerhalb von Stadtquartieren. Und dass eine Mitsprache von Bürger*innen bei uns Teil der Lehre daraus ist (Kommentare über Auseinandersetzungen über Gentrifizierung und Auseinandersetzungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen usw. in Berlin spare ich mir hier mal, die gehörten auch nicht in das Gespräch gestern).

Ein zweites, wirklich großes Thema war die Visumpflicht für Reisende aus der Türkei. Sie wird als inakzeptabel wahrgenommen, gerade für Vielreisende wie Journalist*innen, Geschäftsleute usw. ist es schlichtweg nervig und blöd, nur maximal Jahresvisa zu bekommen - und dann am besten auf dem Flughafen bei der Einreise auch noch strengst befragt zu werden, weil sie ja offenbar häufig international unterwegs sind, wie man den Stempeln in ihrem Pass ansehen kann. Da besteht definitiv Handlungsbedarf, das war auch für uns klar. Leider ist das keine Berliner Landesangelegenheit - aber vielleicht kann man sich ja doch einfach mal zu einer gemeinsamen, überfraktionellen Stellungnahme durchringen, die da zu Änderungen auffordert.

Die Schilderung gewisser Begegnungen bei der Einreise führte dann auch gleich zum Thema 'Vorurteile' bzw. falsche Vorstellungen über die jeweils andere Gesellschaft. Klar hilft da Begegnung beim Abbau; ich glaube aber, dass da auch auf deutscher Seite noch mehr getan werden muss. Strandurlaub in der Türkei wird nicht dazu beitragen, dass sich die Bilder von der Türkei besonders ändern. Klar eingefordert wurde hier von unseren Gesprächspartner*innen ein Mentalistätswandel - es sei ja sehr schön, dass deutsche Politiker*innen und Delegationen immer betonen, wieviel sich in der Türkei ja geändert habe auf dem Weg zu einem modernen Staat und einer dynamischen Wirtschaft, aber wenn wir das ernst meinten, dann müsse sich in der deutschen Wahrnehmung der Türkei etwas ändern. Die zähen Verhandlungen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt tun hier ein übriges, dass (nicht zum ersten Mal auf dieser Reise) unsere Gesprächspartner*innen uns deutlich vorhalten, dass sie sich ungerechtfertigterweise als Nation zweiter Klasse behandelt fühlen (in einem anderen Gespräch mit einem offiziellen Regierungsvertreter hieß es dazu, die EU werde von einem Beitritt der Türkei profitieren -die Türkei brauche ihn eigentlich nicht…)

Fast schon amüsant war der Austausch zum Thema Flughäfen- in Istanbul wird jetzt der dritte Flughafen gebaut, ein Riesending mit sechs Start- und Landesbahnen und als interkontinentales Drehkreuz (also auch in direkter Konkurrenz zu entsprechenden Ausbauplänen und bereits erfolgten Marktpositionierungen den Golfstaaten). Dass der BER nicht fertig wird, ist zwar eher peinlich, eine größere Diskussion hängte sich aber daran auf, dass es in Deutschland ja bereist mehrere Drehkreuze gebe, und ein drittes vielleicht nicht so schlau sei.

Alles in allem ein guter Austausch, auch im informellen kleinen Nachgespräch (dass es irgendwie immer gibt…), aus dem, glaube ich, alle etwas mitgenommen haben. War gut, ihn zu machen, auch wennich zunächst etwas skeptisch war ob des Formats. Aber ich lasse mich auch gerne mal überzeugen, dass ich falsch liege bei so etwas…

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