Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer - und ein Bundesminister wird zynisch...

Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer – und ein Bundesminister wird zynisch…

400 Menschen sind im Mittelmeer ertrunken. Menschen, die als letzten Ausweg aus der miserablen Situation in der sie waren die extrem gefährliche Flucht übers Meer gesehen haben. Und wieder wird was gefaselt von "Beihilfe für Schlepper", die EU-Kommission meint, es sei kein Geld da für sowas - und der politische Wille sowieso nicht. Bei letzterem hat die EU-Kommission leider offenbar sogar recht: Wenn der politische Wille in den nationalen Regierungen und bei den großen Fraktionen des Europaparlamentes da wäre, da würde sich das Geld finden.

So wird zynisch weiter vor sich hin geredet, während Menschen auf der Flucht ihr Leben riskieren, und viele es verlieren. "Das Boot ist voll" 4.0 - oder irgendwie so. Von der Bequemlichkeit des gut gepolsterten Armsessels aus, vom im globalen Verhältnis superreichen, gut organisierten, friedlichen Deutschland aus wird erklärt, man könne ja nicht jeden aufnehmen, der nach Europa wolle, das sei schließlich "Beihilfe zu Schlepperunwesen". Das sagt nicht etwa irgendein ein fortgeschritten Verwirrter am Rande einer PEGIDA-Demo, der sein Abendland retten will, vor was auch immer - sondern ein Bundesminister. Und der Spruch, man dürfe "die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung nicht überstrapazieren", der kommt auch nicht aus dem Mund eines Verunsicherungen instrumentalisierenden AfD-lers, sondern des CSU-Generalsekretärs, der in "Wirtschaftsflüchtlinge" (die offenbar keiner Unterstützung und keines Schtutzes würdig sind) und "echte Asylberechtigte" unterscheidet (die dürfen dann seiner Meinung nach gnädigerweise hier bleiben).

Fakt ist aber: Die allermeisten Geflüchteten landen weder in Deutschland noch überhaupt in Europa. Allein die Zahl der 'internally displaced persons' durch bewaffnete Konflikte, Hunger, Umweltzerstörung, Unterdrückung, staatliche Verfolgung, gesellschaftliche Ächtung oder durch Vertreibung hat weltweit ungeahnte Höhen erreicht. Unfreiwillige Migrationsbewegungen und Flucht ist eine riesengroße Herausforderung, ob in Afrika, im Nahen Osten oder Asien. (Und: Ja, es gibt sie auch in Europa). Das gilt insgesamt erstmal völlig unabhängig von der Fluchtursache. Wer sind de Maizière & Co., dass sie behaupten, die Einschätzung, dass eine Flucht in ein fremdes Land die beste Chance ist, die man noch hat, für sich und die seinen, sei falsch? Mit welchem Recht unterscheidet ein CSU-Generalsekretär oder ein Bundesminister eigentlich zwischen ein paar 'Edelflüchtlingen' und dem von ihnen unerwünschten Rest? (Und bevor jemand fragt: Nein, in der Frage der 'sichere Herkunftsländer'-Entscheidung stehe ich einfach auf einer komplett anderen Seite als Kretschmann und Co.).

An dieser Einteilung, in gute, "echte" Asylberechtigte und unerwünschte andere Geflüchtete wie "Wirtschaftsflüchtlingen", die man nicht haben will und am besten ganz schnell abschiebt, wie sie offenbar der CSU-Generalsekretär und andere einnehmen, ist einfach auf so vielen Ebenen etwas grundfalsch, dass ich sie kaum alle hier aufzählen kann. Sie ist arrogant, unmenschlich, herablassend, patriarchal-gönnerisch, Unsicherheiten und Unwissen populistisch ausbeutend, verlogen, selbstgerecht. Die EU-Kommission hat offenbar leider nur zu Recht, wenn sie derzeit keine politische Unterstützung für die Wiederaufnahme der Seenotrettung aus dem Mittelmeer sieht. Das ist einfach nur beschämend.

Niemand nimmt freiwillig solche Gefahren und Strapazen auf sich, um im vermeintlich sicheren Europa eine Zukunft haben zu können. Niemand begibt sich freiwillig in ein völlig überladenes Boot über das Mittelmeer, vertraut sich irgendwelchen dubiosen Schlepper*innen an oder 'guides', die einen allein oder mit Familie, Kindern, Freund*innen oder auf der Flucht zu Weggefährten Gewordenen aus der Gefahrenzone raus, des Nächtens über Schleichpfade, auf der Ladefläche eines LKWs tagelang durch ein fremdes Land oder sonstwie an einen Ort bringen, an dem es wenigstens eine Perspektive gibt. Über die Grenze, vielleicht nach Europa, und innerhalb Europas dann dorthin, wo man vielleicht schon wen kennt, weil das beim Ankommen und dem Aushalten der ganzen Situation hilft. Wer Geflüchteten zuhört, die es tatsächlich bis nach Berlin geschafft haben, hört viele individuelle Geschichten, aber eines ist gleich: Sie hätten lieber gehabt, wenn die Flucht nicht nötig gewesen wäre.

Ganz ehrlich: Hört endlich mit der zynischen Bedenkenträgerei ("...Hilfsbereitschaft der Bevölkerung nicht überstrapazieren...") auf und fangt an zu helfen, statt draußen zu halten, abzuschieben, und nebenbei an der Erzeugung und Verschärfung von Fluchtursachen zu profitieren (Globale Gerechtigkeit und Handelspolitik, Anyone?). Politik kann und muss sich ändern, in Deutschland und in Europa, sonst ändert sich am unmenschlichen Zustand nichts.

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