Evaluation des Berliner Programms für Chancengleichheit: sichern und weiterentwickeln

Evaluation des Berliner Programms für Chancengleichheit: sichern und weiterentwickeln

02.04.2014 - Evaluation des Berliner Programms für Chancengleichheit: sichern und weiterentwickeln

Berlin ist Spitze - zumindest gilt das ganz klar in der Förderung von Frauen in Forschung und Lehre. Wir sind das einzige Bundesland, das seit 2001 ein ausführliches Instrument dafür hat. Das "Berliner Chancengleichheitsprogramm" - kurz BCP - wurde vom Berliner Senat und den Hochschulen gemeinsam entwickelt und eingerichtet und hat sich zum Ziel gesetzt, den weiblichen Anteil in der Wissenschaft auf allen Stufen zu erhöhen. Denn mit 20% Professorinnen auf Bundesebene ist der Mangel an Frauen in Forschung und Lehre enorm, was nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit ist: Wenn wir Hochschulen haben wollen, die wichtige gesellschaftliche Fragen reflektieren, brauchen wir vielfältige Akteur*innen.
In dieser Hinsicht verfolgt das BCP gleich mehrere sinnvolle Ziele: Es fördert die Qualifizierung und Professionalisierung von Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen für eine Professur und unterstützt gezielt die Qualifizierung von Frauen in den Natur- und Technikwissenschaften. Ferner fördert das Programm eine Stabilisierung der wissenschaftlichen Karriere von Frauen in der Postdoktorandenphase und strebt nach einer weiteren Verankerung von Genderaspekten in Forschung und Lehre.(1)

Das BCP: fair und wirkungsvoll

Das BCP hat sich als Flaggschiff der Förderung zur Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre bewiesen. Das Programm ist zielgerichtet und sehr gut an den Bedürfnissen der Hochschulen orientiert. Die Förderperiode 2008-2011 wurde vom CHE evaluiert und kommt eindeutig zu diesem Ergebnis.

Auch die Anhörung im Ausschuss für Wissenschaft am 2. April 2014 hat deutlich gezeigt, dass insbesondere die Kontinuität, die Existenz einer ausschließlich für das Programm vorhandenen Geschäftsstelle und die Möglichkeit, innerhalb der Programmlinien gezielt auf die Herausforderungen der jeweiligen Hochschulen und Disziplinen zugeschnittene Förderansätze umzusetzen, maßgeblich für den Erfolg verantwortlich sind.

Wesentlich dürfte in der eng vernetzten, aber gleichzeitig immer auf ihre Autonomie bedachten Berliner Hochschullandschaft auch die Tatsache sein, dass sowohl Verwaltung als auch die Hochschulen das Programm gleichermaßen als ihres ansehen. Gerade bei der oft ziemlich zähen Etablierung von Inhalten der Frauen- und Geschlechterforschung in Fächern außerhalb der Sozialwissenschaften und bei frauenfördernden Maßnahmen in Bereichen mit einer starken Unterrepräsentation von Frauen ist es wichtig, dass das Programm nicht als etwas von außen aufgedrücktes empfunden wird, sondern von den Hochschulen mit- und weiterentwickelt wird.

Das Ergebnis: Insgesamt erfolgt der Anstieg des Frauenanteils im Berliner Wissenschaftsbetrieb schneller als auf Bundesebene: In 10 Jahren hat sich die Zahl der Professorinnen in Berlin mehr als verdoppelt, während dieser Anteil in Deutschland von ca. 11 auf 19% gestiegen ist. Zwischen 2008 und 2011 wurden insgesamt 18 vorgezogene Nachfolgeberufungen realisiert, darüber hinaus drei befristete W2-Professuren, 16 Juniorprofessuren, 150 Gastprofessuren und -dozenturen, 63 Lehraufträge, 75 Postdoc- bzw. wissenschaftliche Mitarbeiterinnenstellen und 93 Promotionsstipendien an den Fachhochschulen. 75 dieser Fördermaßnahmen hatten den Teilaspekt Verankerung von Genderaspekten in Forschung und Lehre zum Ziel; 17 davon wiederum mit einem besonderen Fokus auf die Natur- und Technikwissenschaften.(2) Das ist nicht nur ein Ergebnis des BCP - aber auch!

Mittelausschöpfung steigern, Nachhaltigkeit sichern

Die Anhörung und die Evaluation haben aber auch gezeigt: So gut das BCP ist und wirkt, es gibt mindestens zwei Bereiche, in denen über eine Verbesserung nachgedacht werden sollte. Die Evaluation verweist darauf, dass die Struktur des Programms selbst potenzielle Probleme birgt, denn es beinhaltet formal kaum Controlling- oder Sanktionsmöglichkeiten. Gegenwärtig sind vor allem die beteiligten Personen, ihr Einsatz und ihre Sachorientiertheit bei Konflikten ein Garant dafür, dass das Programm so gut läuft, wie es läuft. Das macht aus parlamentarischer Perspektive das kleine Problem auf, dass es wahrscheinlich am sinnvollsten ist, hieran nicht zu rütteln, selbst wenn das formal möglicherweise als geboten erschiene (s. Evaluation). Aus unserer Perspektive ist es hier einfach am besten, regelmäßig zu überprüfen, ob die gegebenen strukturellen Voraussetzungen in Kombination mit den handelnden Personen auch weiterhin ein gutes Gelingen sichern - oder ob zu einem späteren Zeitpunkt doch Veränderungen in der Steuerung und im Controlling nötig werden könnten.

Darüber hinaus sind Gast- und Juniorprofessuren logischerweise zeitlich begrenzte Förderungen. Obwohl der Bericht zur Evaluation des BCP zeigt, dass Gastprofessuren die Eingangstor zur Professuren sind, muss man sich fragen, was mit den anderen Wissenschaftlerinnen passiert, wenn sie doch keine Professur bekommen haben und wer ihre Arbeit macht, wenn die Gast- oder Juniorprofessur nach Ende der Förderzeit gestrichen wird. Dies ist sowohl ein Problem für die Wissenschaftlerinnen, die nicht weiter gefördert werden, als auch für die Hochschule, deren Struktur abrupt geändert wird. Dieses Model funktioniert für viele, aber nicht für alle Fälle. Es müssen zusätzliche Modelle einer langfristigen Förderung entwickelt werden. Dies kann nicht allein Aufgabe des BCP sein, sondern muss verstärkt in den Fokus der Ausgestaltung von Hochschulverträgen und Strukturplanung genommen werden.

Ein weiteres Problem ist die Nichtausschöpfung von Mitteln. Gerade im Bereich der vorgezogenen Nachfolgeberufungen ist dies eine Schwierigkeit - hier wird eine Professur, die in einiger Zeit absehbar vakant werden wird, befristet durch eine Parallelprofessur ergänzt, deren Stelleninhaberin dann auf die vakante Professur wechselt. So wird eine Kontinuität in Forschung und Lehre gewährleistet, von der alle, auch die Hochschule, etwas haben. Schwierig hier ist die Dauer der Berufungsverfahren, die bei korrekter Durchführung durchaus etliche Monate oder ein Jahr dauern können. Die Mittel für die vorgezogene Neuberufung können aber nur in der jeweiligen Laufzeit des BCP vergeben werden - was nicht ausgeschöpft wird, verfällt. Das ist misslich, denn es gibt ohnehin nur wenig Gelder, die dezidiert für die Förderung von Frauen in diesem Bereich vorgesehen sind. Da eine Fortsetzung des Programms nach der jeweiligen Laufzeit zwar immer politischer Wille ist, es aber keine Garantie dafür gibt (nicht wie z. B. Europäischen Strukturfonds), kann eine Übertragung in einen nächsten Förderzeitraum logischerweise nicht stattfinden. Auch deswegen, aber auch insgesamt im Sinne der Planbarkeit und Zukunftsfähigkeit von Frauenförderungsansätzen und Diversity in Forschung und Lehre sollte hier dringend darüber nachgedacht werden, ob das Berliner Programm zur Chancengleichheit dauerhaft abgesichert werden kann. Wir schließen uns in diesem Zusammenhang auch dem Vorschlag des Evaluationsberichts an, nach dem er für die Einbeziehung weiterer Personenkreise in die Auswahl, Programmlinienentwicklung und Steuerung plädiert. So könnte man das BCP zeitgemäß weiterentwickeln. Früher lag das große Problem der Frauenförderung in der Wissenschaft darin, die Frauen berufungsfähig zu machen. Heutzutage sind wir aber mit anderen Problemen konfrontiert. Um die neuen Hürden zu erkennen und zu beseitigen benötigen wir einen offenen Dialog mit einer Vielfalt von Akteur*innen.

Schließlich müsste man mehr Geld in das BCP investieren, weil wir eine Änderung der Struktur der Hochschulen erzielen wollen. Nur auf dieser Weise können wir eine nachhaltige Förderung zur Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre erreichen.

(1) Kurzfassung des Evaluationsberichts 2013, S.6
(2) Kurzfassung des Evaluationsberichts 2013, S.7

Die Kurzfassung des Evaluationsbericht ist hier zu finden: www.che-consult.de/downloads/Evaluation_BCP_Kurzfassung_ohneSM_1638.pdf

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