Das Problem heißt Sexismus. Und Rassismus. Ein Kommentar zu den Kommentaren zu Köln.

Das Problem heißt Sexismus. Und Rassismus. Ein Kommentar zu den Kommentaren zu Köln.

Das Problem heißt Sexismus. Und Rassismus. Ein Kommentar zu den Kommentaren zu Köln.

Eigentlich wollte ich mich aus der "Debatte" um die Vorgänge in Köln in der Silvesternacht ja so langsam raushalten, aber wie das halt manchmal so ist. Sie geht ja weiter, diese Debatte, die eigentlich keine ist. Sie geht weiter in einer Art und Weise, die herzlich wenig mit einer Auseinandersetzung um sexualisierte Gewalt insbesondere gegen Frauen* zu tun hat. Nein, von dem Moment an, in dem die Kenntnis über die Vorgänge etwas weitere öffentliche Kreise erreichte bis zum ersten rassistischen Kommentar dauerte es ungefähr eine logische Sekunde.

Eine "kulturell bedingte Geringschätzung von Frauen" wird da pauschal Nordafrikanern, Menschen aus dem arabischsprachigen Raum oder auch gleich allen Moslems unterstellt. Auf Twitter und Facebook wird mal mehr, mal weniger eloquent ein generalisierter "Anderer" konstruiert, der fremd und zu sehr in seiner rückständigen Kultur verfangen ist, als dass er unsere ach so aufgeklärten Werte wirklich verstünde. Geschweige denn umsetzen könnte. Und das wird selbst von sonst Wohlmeinenden als Integrationshindernis ausgemacht. Während "wir" natürlich längst aufgeklärt sind - weswegen das "Haben Sie überhaupt mal den Koran gelesen, da steht das drin!" offenbar auch nicht mit "Habe ich, und die Bibel auch. Da steht auch ziemlicher Quark drin, was Frauen und Männer betrifft" beantwortet werden darf. Das sei Relativierung, wurde mir erklärt. Wie übrigens auch der Verweis auf die magere Faktenlage bereits Relativierung ist, wie ich von ganz überrascht gelernt habe. Denn "wir" sind ja längst losgelöst und emanzipiert von solchen Dingen (wie man bei der Debatte um die Ehe für alle schön merken konnte). Und wehe, eine Frau berichtet auf Facebook davon, dass sie die Situation in Köln in jener Nacht ganz anders erlebt hat, wie Regina Schleheck das getan hat (hier ihr FB-Profil) - alles Lüge und Relativierung!!!1!11

Auch so lassen sich rassistische Argumentationen zusammenbauen, ohne sich selbst als Rassist*in fühlen zu müssen. Denn es geht ja nur um Religionskritik, und die Verteidigung "unserer" Werte. "Rasse" heißt jetzt "Kultur" - sonst ändert sich nix.

Und es geht weiter, ganz munter. Und zwar nicht nur von den üblichen Verdächtigen.

Allen, die in diesem Zusammenhang entweder davon reden, es dürfe "keinen Bonus für Nationalität oder Aufenthaltsstatus" geben und damit suggerieren, es gebe eine positive Diskriminierung von Asylsuchenden oder -erhaltenden (leider auch Katrin Göring-Eckart), oder irgendwelche Zusammenhänge mit Abschiebungen oder sogar Entwicklungshilfekürzungen aufmachen (letzteres macht Sigmar Gabriel von der SPD, mit einer seiner üblichen Übersprungsreaktionen), würde ich anraten, nochmal ganz kurz darüber nachzudenken, worum es eigentlich geht und ging. Ann-Mareike Krause sagt auf Tagesschau.de ganz richtig: Das Problem heißt Sexismus. Und das ist ja wohl kaum ein exklusives Problem anderer Länder. Die vielgescholtenen "Verhaltenshinweise" an Frauen für die jetzt kommende Straßenkarnevalszeit, die auf Twitter unter dem Hashtag #einearmlaenge ordentlich durch den Kakao gezogen wurden, weisen da deutlich darauf hin. Aber nein, Sexismus gibt es bei uns nicht, bei uns sind das höchstens "kranke Einzeltäter", wie mir jemand auf Twitter beschied. Das möchte ich dann mal genauer erklärt bekommen, wenn es das nächste mal darum geht, ob ein ungewollter Griff zwischen die Beine ("War doch nur Spaß") oder an den Busen ("Oh, sorry, ich bin ausgerutscht - ist aber schön, so warm und weich zu landen! Darf ich meine Hände noch ein bisschen da lassen?") eigentlich Gewalt ist. Und ob er strafbar ist. Oder ob das nur ein nett gemeintes Kompliment war. Und dass Frau* sich nicht so haben soll.

Nein, es ist keine Relativierung der Übergriffe oder erst Recht Verhöhnung der Opfer dieser Übergriffe, darauf hinzuweisen, dass es egal ist, woher eine übergriffige Person kommt. Im Gegenteil. Es stärkt die Debatte um sexualisierte Gewalt, diese in den Mittelpunkt zu stellen, und sie nicht wieder abbiegen zu lassen in Diskussionen um Flüchtlinge, um Verhaltensmaßstäbe für Frauen, oder sonstwas.

Noch eine Anmerkung: In Düsseldorf hat sich jetzt als Reaktion auf die Vorgänge in der Silvesternacht in Köln (und wohl auch anderswo) eine Bürgerwehr gegründet. Man wolle Düsseldorf "für unsere Damen" sicherer machen. Die Polizei könne das ja nicht gewährleisten. Mal abgesehen, dass ich Anstoß nehme an der Formulierung "für unsere Damen", in der ein genauso beklopptes Weiblichkeits- und Ehrbild mitschwingt wie in vielem, das ganz zu recht kritisert wird, ist diese Art Selbstjustiz eine Katastrophe. Ja, der Begriff ist nicht zufällig gewählt. Eine Katastrophe - die zeigt, wie weit das staatliche Gewaltmonopol nicht nur in Frage gestellt wird, sondern Menschen längst gedanklich beim Recht auf legitime Selbstverteidigung aufgrund des Zusammenbruchs einer anerkannten staatlichen Ordnung angekommen sind. Wer so argumentiert, den interessiert auch kein Strafrecht mehr, keine ordentlichen Verfahren, kein "unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils". Denn man handelt ja aus Notwehr. So in etwa argumentieren auch anderswo Gewalttäter*innen, und auch PEGIDA, AfD & Co.

Mal sehen, wie viele der selbsternannten Frauenfreund*innen und Beschützer*innen den Mund aufmachen und es als Problem wahrnehmen, wenn - wie rein statistisch wahrscheinlich ist - in ihren eigenen Reihen Frauen* über Übergriffe klagen. Oder wer sich empören wird, dass Mann dann ja unter Generalverdacht gestellt werden würde, wenn es ganz konkret darum geht, jene Gesetzeslücke zu schließen, die die ganz alltäglichen Übergriffe in der U-Bahn oder auf dem Marktplatz bis heute meistens straffrei lassen.

Das eine Problem heißt Sexismus.

No es no

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